Angst essen Seele auf

Das Wissen um und die Angst vor dem Tod hat die Religionen erschaffen, also den Versuch, die Todesangst durch Lebenssinnstiftung zu verdrängen.

Viele Ängste heute sind Ergebnis fehlender religiöser Kompensation. Angst vor dem falschen Esssen, Angst vor zu wenig oder falscher Bewegung, Angst vor  Feinstaub, vor Ehec, vor Vogelgrippe, vor tausend Giften und Krankheiten, Angst vor Elektrosmog, vor der Zeitumstellung, vor unsicheren Fahrstühlen, Flugzeugen,  Handys. – eine Welt, die es auf meine Gesundheit, meinen Tod angesehen hat.

Oder umgekehrt: All die Vorschläge zum gesunden Essen und Leben, zum Umweltverhalten und Gefahren vermeiden sollen sich zu Vorschriften verdichten, die Vorschriften  wiederum zu einer neuen Religion, die nach Dominanz und Monopol verlangt, weil sie sonst nicht ausreichend die Ängste bannt. Also Veggie-Day, Diesel-Verbot etc. –

Ergebnis: Wir verlängern unser Leben statistisch um 2 Jahre, verderben es uns aber zuvor durch unsere permanenten Ängste.

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Wofür schämen?

Immer sollten wir Deutschen uns kollektiv schämen und schuldig fühlen für die Gräueltaten unserer Vorväter, aber von den Muslimen darf man das offenbar nicht erwarten. Da sind pauschale Betrachtungen unangemessen. Dabei ist Deutschsein ein Geburtsmerkmal wie blond oder schwarz, wie Mann oder Frau – dafür kann man sich nicht schämen, weil keine Schuldmöglichkeit vorliegt. Wohl aber tragen wir als Deutsche eine besondere Verantwortung im Umgang mit der Vergangenheit. Das ist etwas anderes als Schuld.

Islam aber ist ein Bekenntnis, das man bei Fehlentwicklungen relativieren oder ablegen kann, um nicht mitschuldig zu werden. Im Übrigen haben in unseren Nachbarländern die Menschen nur sehr selten ein Schuldbekenntnis von uns verlangt, schon deshalb, weil wir ja persönlich nichts an der Vergangenheit im Nachhinein ändern können, die Muslime aber können gleichwohl in den gegenwärtigen Gang der Geschichte eingreifen. Insofern lastet auf ihnen durchaus eine latente Schuld im Unterschied zu uns Nachgeborenen der Nazidiktatur.

Die Muslime könnten aufhören sich als Muslime zu verstehen und zu verhalten. Sie könnten versuchen den Koran historisch zu entschlacken (womit er allerdings seinen Wesenskern verlöre) oder sie könnten gegen das orthodoxe Islam-Verständnis protestieren. Sehr wenig davon ist zu beobachten.

 

Willkommensreligion

13.11.15   Willkommenskultur und politischer oder religiöser Fanatismus sind zwei Seiten einer Medaille. Die Medaille ist das gemeinsame Menschenbild. In den Vorstellungen beider ist der Mensch an sich ein gutes Wesen und bedarf nur der Erlösung, d.h. der gesellschaftlichen Umstände, die seine Welt zum Paradies und ihn zum alltagstauglichen guten Menschen machen.

Aber so ist der Mensch nicht. Er ist so wie seine Sexualität ist. Ein breites Band an Verlangen und Gefühlen zwischen Vergewaltigungsphantasien (aktiv und passiv!) und fast entkörperlichter zartester Liebe.

So ist sein Verlangen nach Nahrung, Behausung und anderen Grundbedürfnissen immer maßlos, selbstsüchtig und zugleich vom Bemühen und Wunsch geprägt mit der Gruppe, in der Gruppe diese Bedürfnisse besser, schneller, nachhaltiger befriedigen zu können. Der Mensch ist immer und zunächst einmal, wenn er auf die Welt kommt und schreit „Hier bin ich!“ Tier. Und die Vorstellung der Moralisten und Terroristen ihn ganz zu enttieren, ihn ganz einer Kultur zu unterwerfen,  führt dahin, wo auch schon die französische Revolution gelandet ist. Am Ende war Danton, der Frauenverbraucher, Saufkopf und Falschspieler der größere Moralist, der bessere Mensch als Robespierre, der nie in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte, der nie Frauen  misshandelt, der sich nie besoffen hatte, aber völlig skrupellos tausende von Menschen seiner Idee vom besseren Menschen opferte. Das wusste Büchner schon vor fast 200 Jahren, 22 Jahren jung.

“Danton: Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?”

Was ist es, was in mir verhindert, all die Flüchtlinge freudig willkommen zu heißen?

Was ist es, womit andere diese Gefühle verdrängen?

Opferrolle rückwärts

Die Opferrolle ist eine seelisch sehr gesunde Lebenslage. Deshalb wird sie auch gerne eingenommen, auch wenn der Opferstatus nicht oder nicht mehr existiert. Die Täterrolle ist dagegen verpönt. Verantwortung ohne Wenn und Aber übernehmen nur wenige. Diese Wenigen werden häufig das moralische Opfer der vermeintlichen oder wirklichen Opfer, die ihnen die Schuld geben, dass sie eben Opfer sind. Die Täter haben sich schließlich ihre Rolle frei gewählt, also darf man sie auch beliebig anpissen.

Eine besonders vertrackte Variante dieser allgemein verbreiteten Konstellation wird in Deutschland gepflegt: Dort gehören eigentlich alle – durch historische Erbsünde belastet –  zu den Tätern, aber, die das besonders selbstkritisch immer wieder betonen, gehören eigentlich zu den Opfern, weil sie ja von den anderen Tätern nicht genügend Anerkennung dafür bekommen, dass sie sich als Täter outen. Als Deutsche sind sie ja automatisch schuld am Faschismus, aber sie tragen so schwer an dieser Schuld, dass sie ja schon wieder Opfer durch diese Bürde sind.

Verstanden? Nein? Dann den Absatz noch mal lesen. Sonst weiter mit:

Als Ersteweltbewohner gehören sie, die Nicht-Verantwortlichen, eigentlich zu den Tätern, aber als Radfahrer sind sie natürlich Opfer. Oder als Nutzer von Google und anderen Datenkraken. Oder als Arbeitnehmer unter Leistungsdruck.  Oder als Konsumenten von verseuchten Lebensmitteln.  Oder als Konsumenten überhaupt. Immer sind sie in der gewissenberuhigenden Opferrolle.  Als 68er wurden sie ja immer durch das System verfolgt und das vermitteln sie auch ihren Kindern und Schülern: Ihr seid die Opfer. Wer aber ist der Täter, wer ist verantwortlich, wenn etwas schief läuft? Das sind dann im Zweifelsfall die Kapitalisten, die Manager, die Politiker. Die da oben halt.  Linker Stammtisch lässt grüßen.
Opferrollen tradieren sich, das ist das Fatale, das ist das Bequeme. Das ist das Spießige des linken Milieus.

Daran gleicht der linke Spießer den rechten Spießern, die von nichts gewusst haben, die getäuscht wurden, die ja auch anders, wenn sie gekonnt hätten…

 

Ich bin verantwortlich für diesen Text. Ich bin ein Schreibtischtäter.

Das Feuer

Der Kapitalismus ist keine menschliche Idee, sondern menschliche Natur. Christentum, Islam, Sozialismus, auch Nationalsozialismus sind  menschliche Erfindungen aus der Sehnsucht nach dem Paradies auf Erden. Kapitalismus  hat sich aus der Natur des Menschen ergeben. Diese Natur  besteht zum einen darin, der eigenen Brut möglichst gute Startbedingungen zu schaffen, also auch solche auf Kosten von anderen. Anhäufung von Macht, Gütern und Geld sind dafür naheliegend.

Die Natur des Menschen ist zum anderen, dass er sich von seiner tierischen Natur immer mehr emanzipiert hat im Laufe seiner Entwicklung. Vom Gebrauch von Werkzeugen, über Arbeitsteilung, Spezialisierung, Tauschhandel, Geld, Geldverleih, Geldinvestition hat dies zum Kapitalismus geführt. Das hat niemand so gewollt, aber viele haben die Chancen und Gefahren erkannt. Das  Feuer hat auch niemand  erfunden, aber der Mensch hat es für sich genutzt. Zum Heizen, zum Kochen, zum Roden. Und die Dynamik des Feuers hat manchmal die Hütte abbrennen lassen, den ganzen Wald vernichtet, den Braten verkohlt.  Manchmal hat man mit Feuer auch Menschen verbrannt. Sollte man deshalb das Feuer abschaffen? Sollte man den Kapitalismus abschaffen, weil man ihn manchmal nicht recht zu bändigen weiß? Gibt es eine andere Wirtschaftsordnung, die der Brutpflege-Natur des Menschen so entspricht? So wie wir nicht mehr mit offenem Feuer heizen und kochen, wie wir keine Brandrodungen mehr durchführen, wie wir keine Scheiterhaufen mehr aufschichten, kurz: wie wir das Feuer zivilisieren, müssten wir auch den Kapitalismus zivilisieren, um seine Dynamik für die Zukunftsaufgaben nutzen zu können.